„Geschichten“

Einführung in die BBK Ausstellung
von Melanie Wichering, Kunsthistorikerin M.A.
„Geschichten“ . Johannes Cernota (Bronzeobjekte), Anke Ibe (Malerei), Kerstin Kramer (Malerei), Bärbel Woitas (Fotografie)

Galerie Bund Bildender Künstlerinnen und Künstler, Bezirksgruppe Oldenburg
9. Dezember 2012 – 10. Januar 2013

Einführung in die Ausstellung
von Melanie Wichering , Kunsthistorikerin M.A.

Anke Ibe

Anke Ibe ist in dieser Ausstellung mit acht zweiteiligen, nahezu monochromen Arbeiten aus ihrer Serie „sfumato“ vertreten. „sfumato“ heißt übersetzt soviel wie „verraucht“ oder „neblig“ und bezeichnet eine von Leonardo da Vinci angewendete Technik, Landschaften in einen nebligen Dunst zu hüllen. Leonardo erreichte den Eindruck der trüben Atmosphäre, indem er über den Malgrund dünne, mit Weiß vermengte Lasurschichten egte und damit eine durchschimmernde, gebrochene Farbtönung erzeugte.

Anke Ibes Bilder erhalten durch den Auftrag spezieller dickflüssiger Pasten und Farblasuren einen Objektcharakter. Materialhafte Oberflächen wie weiches Leder, rostiges Metall, glatter Beton oder spröder Putz und aufgedunsene Farbflächen entstehen. Glatt, spröde, rissig, weich oder hart muten die Oberflächen ihrer Bilder an. Man möchte mit den Händen über die Bilder streichen in der Erwartung etwas anderes zu berühren als ein gemaltes Bild in Eitempera und Mischtechnik.

Anke Ibe (Jahrgang 1953) ist seit 2001 als freischaffende Künstlerin tätig, nachdem sie jahrelang als Textil-Designerin gearbeitet hatte. Sie besuchte die Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg in der Fachrichtung Textil- und Interior-Design und hat die Hochschule der Künste in Berlin mit dem Lehramt für Bildende Kunst abgeschlossen.

Ausgangspunkt ihrer Bildserie ist zunächst die größere, quadratische läche zu der ein malerisches Pendant, die kleinere, rechteckige Fläche bearbeitet wird. Oft nimmt die Künstlerin dabei einen Teil der Farbigkeit der größeren Fläche wieder auf. Diese verselbständigt sich hier, nimmt eine eigene Textur an. Meist ist die kleinere Fläche zurückgenommener, aber deutlich eigenständig in ihrer Textur. Die Form des Quadrates wählt die Künstlerin bewusst, weil diese Fläche die größtmögliche Ruhe beinhaltet. Die Kombination der Farbflächen ist eindeutig festgelegt durch die gemeinsame Rahmung. Die parallel zueinander angeordneten Flächen geben einander Halt, bilden eine Einheit. Bei den senkrecht aufeinander gelagerten Flächen fungiert die untere wie ein Sockel.

Nach dem Grundieren der Leinwand trägt die Künstlerin Schicht um Schicht Farbe oder Pasten auf. Schicht für Schicht entscheidet sie, welche Farbe, mit welchem Hilfsmittel aufgetragen wird und welche Spuren Pinsel, Rolle oder anderes hinterlassen dürfen. Dicke Pasten, die beim Aufziehen Leerstellen auf der Fläche bilden, geben den Blick frei auf die darunterliegende Schicht. Manchmal verwendet sie Schellack, worauf wieder eine wässrige Schicht aufgetragen wird, um eine durch Abstoßung erzeugte, zufällige Struktur zu erzielen.
So erzeugt sie ein Wechselspiel von Farbklängen und Texturen. Rauheit und Glätte, Weichheit und Härte, Hell und Dunkel. Schicht für Schicht wird die Arbeit verdichtet. Bis zu zehn Schichten Farbe und andere Materialien werden aufgetragen und teilweise wieder abgekratzt. Das Material wird von ihr gegossen, gewischt, gekratzt, gespachtelt. Das Handwerkliche ist für sie von großer Bedeutung.

Die Farbigkeit ist zurückgenommen und klar aufeinander abgestimmt. Die Bilder sind flächig angelegt, es werden keine definierten Räume wiedergegeben. Was sie interessiert, ist das Verhältnis der Farben zueinander und deren Wirkung auf der Fläche. Welche Wirkung kann man wodurch erzielen? Wo muss Struktur, wo Schatten, wo Licht gesetzt werden? Wo sollen sich Bündelungen, Schraffuren und Verdichtungen befinden, wo soll ein Auflösungsprozess stattfinden? Die Künstlerin legt besonderen Wert auf eine stimmige Einlagerung der Komposition in die Fläche und insbesondere auch auf die Randlösung der Arbeiten. Das Experimentieren, das sich Entwickeln lassen fordert sie zu immer neuen Varianten auf.

Anke Ibe fühlt sich der amerikanischen Malerin Agnes Martin verbunden, die ähnlich strukturell aber mit völlig anderem Ergebnis arbeitete. Auch sie wählte mit Vorliebe das quadratische Format auf das sie feine Linien zog. Durch die Beimischung von Gesso haben ihre Farbflächen eine auf- und abtauchende Bewegung in sich und erscheinen wie Nebelwände. In den gestalterischen Grundzügen besteht eine Verwandtschaft zwischen den beiden Künstlerinnen, doch sind die Farbflächen von Anke Ibe im egensatz zu Martin kompakt und verdichtet.

Beim Anblick von Anke Ibes Farbtafeln mag man sich an Barnett Newmans vertikal durchbrochene Farbfelder erinnern. Er rhythmisierte die Farbfläche in unregelmäßigen Intervallen mit Hilfe von vertikalen Streifen, die der Künstler “zips“ (Reißverschlüsse) nannte.
Bei Anke Ibe entsteht eine Fuge durch das Zusammenfügen zweier Malplatten. Die Fuge ist das verbindende Glied zwischen zwei autonomen Flächen, die erst zusammengefügt ein Ganzes ergeben.

Anke Ibes monochrome Arbeiten sind klar durchdachte, strukturelle Komposition, die einen ruhigen Gegenpol zur heutigen, reizüberfluteten Umwelt bieten. Sie fordern uns auf, innezuhalten und Konzentration im Wesentlichen zu suchen.