Vernissagerede zu "Verdichtet" September 2011

Kunstfoyer am Langenweg Oldenburg
von Sabine Schicke (NWZ).

Vielen Dank, Herr Professor Appelhoff für die freundlichen Worte. Meine Damen und Herrn, auch von meiner Seite ein herzliches Willkommen. Die meisten von uns leben in einer reizüberfluteten Welt. Können wir uns überhaupt noch daran erinnern, wie es war ohne Email, ohne SMS, ohne Facebook, ohne Twitter? Wann haben Sie den letzten Brief mit der Hand geschrieben?
Anke Ibes Bilder schaffen eine Gegenwelt zu dieser hektischen Taktung des Alltags, in der wir uns oft danach sehnen, jemals alle Posten auf unserer To-do-Liste abgehakt zu haben. Von allen Seiten prasseln außerdem Bilder und Botschaften auf uns ein, oftmals ohne dass wir ihnen entkommen können. „Wir sind visuelle Vielfresser geworden“, sagt die Künstlerin und setzt oft monochrome Farbwelten dagegen. Figuratives finden wir höchstens als Zitat und vor allem in ihren jüngeren Werken.
Sie arbeitet am liebsten mit Eitempera, das sie selbst anrührt und das ihr eine mal samtige, mal luzide Oberfläche erlaubt. So lässt sie uns wohltuend eintauchen in ihr Bild „frozen lemon“, das Sie, meine Damen und Herren, schon aus der Einladung kennen. Es gibt keine offensive Botschaft in diesen Blöcken aus Gelb und Ocker. Tiefe entsteht durch die Textur der behandelten Oberfläche - und Ordnung durch die horizontale Gestaltung der Streifen. Nicht eine Linie begrenzt unsere Wahrnehmung der Farbe, die in großer Ruhe in unser Bewusstsein fließen kann: Der Gourmet mag an ein Zitronensorbet denken, der Museumsbesucher fühlt sich vielleicht an Bilder Mark Rothkos erinnert und der Geologe an das gegrabene Relief einer Jahrtausende alten Wüstenlandschaft. All das können wir aber auch gleichzeitig empfinden.
In meinem Wohnzimmer hängt eine frühe Arbeit aus Anke Ibes Terrakotta-Phase: Orange Squares. Ich vertiefe mich oft in diese Bilder mit dem pastosen, gewachsten Farbauftrag, der durchbrochen wird vom Krakelé schwarzer Linien und Flächen. Manchmal möchte ich eine Farbschicht abkratzen, um zu entdecken, was sich darunter verbirgt. Mich erinnern die Orange Squares, auch wenn sie nicht figürlich sind, immer an die Höhlenmalerei von Altamira und Lascaux. Jene Steinzeitmenschen sprachen Worte, die wir nicht mehr verstehen würden. Sie zelebrierten Rituale, die wir nicht mehr kennen. Aber ihre Malerei hat Eiszeiten überlebt, und die einfache Botschaft ist bis heute erhalten geblieben.
Wir hingegen leben in einer Zeit, die so komplex ist, wie sie keine Generation vor uns je erlebt hat. Die Zahl der Möglichkeiten ist unendlich. Für welche Möglichkeit wir uns auch immer entscheiden, so heißt das auch, wir entscheiden uns gegen viele andere, von denen wir vielleicht im Nachhinein werden sagen müssen, sie wären richtiger gewesen. Nicht alles, was zählt, kann man zählen. Und nicht alles, was man zählen kann, zählt (frei nach Albert Einstein). Erinnern wir uns daran, dass eine Aktie der Commerzbank derzeit nur den Wert eines Hamburgers kostet.
Schauen wir auf die Bilderwelt der Künstlerin, so sehen wir, wie sie all das verarbeitet, was täglich auf sie einstürmt an Eindrücken, Gefühlen und Überflutung. Sie verdichtet diese Überflutung in eine oft minimalistische Bildsprache, wenn sie sich in ihr Atelier zurückzieht. „Malen“, so sagt sie, „heißt auch, allein sein können, ja müssen und wollen.“
Bevor diese Verdichtung gelingt, muss sie sich für eine Farbe, für eine Fläche und ein Format entscheiden, Schicht um Schicht – und sie muss wissen, wann es gut ist und welche Spuren Pinsel, Rollen oder anderes hinterlassen dürfen. Dafür gibt es keine mathematische Formel, sondern als Antreiber die innere Unruhe gepaart mit Intuition und Können. Die Gegenwelt, die Anke Ibe entwirft, ist also niemals eindimensional oder simpel, sondern immer vielschichtig – destilliert aus dem Geist dieser Zeit, dann subjektiv verdichtet und gepresst. Dazu gehört auch, übermalte Flächen wieder mit dem Spatel freikratzen zu müssen, die Farbe wegzuätzen oder bei manchen Werken sogar wegzubrennen.
Nicht alle Betrachter können das aushalten. Widerstände in der Innen- und der Außenwelt sind Anke Ibe nicht fremd. „Wenn ein Mensch nicht entscheiden und zu sich stehen kann, kann er nicht Maler werden“, erklärt sie. Das, was wir auf den ersten Blick sehen, ist also nicht notwendigerweise alles, was da ist. Das wäre ja so, als würden wir eine Landkarte mit dem wahren Terrain verwechseln. Anke Ibe fordert uns als Betrachter, diese Landschaft zu entdecken. Und jeder von uns wird darin etwas anderes finden, denn das, was wir entdecken, hat viel mit unserer eigenen inneren Landschaft zu tun.
So wie Anke Ibes Malerei viel mit ihrer Geschichte zu tun hat: Aufgewachsen ist sie in Schleswig Holstein und besuchte von 1970 bis 1975 die Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg, die sie als graduierte Designerin verließ, um ein Studium Bildende Kunst und Theater an der PH und Hochschule der Künste in Berlin anzuschließen. Sie arbeitete als Dozentin für Maltechniken und als Textil- und Interior-Designerin. Seit 2001 lebt sie ihren Traum als freischaffende Künstlerin in Oldenburg. Weiterhin ist sie als Dozentin tätig und engagiert sich im Vorstand des BBK.
Da sie einen hohen Anspruch an sich und ihre Bilder hat, kennt Anke Ibe auch das Gefühl der Unzulänglichkeit und Ungeduld, wenn ihre Erwartungshaltung nicht mit ihrer Inspiration korrespondiert. Sie fühlt sich der amerikanischen Künstlerin Agnes Martin verwandt, die gesagt hat. „Vollkommenheit kannst Du nicht erlangen. Wenn Du tust, was Du machen willst und was Du machen kannst und wenn Du es dann erkennen kannst, wirst Du zufrieden sein.“
Meine Damen und Herren, Giorgio Armani hat einmal gesagt: „Luxus, das bedeutet für mich Unabhängigkeit. Sagen zu können, was man denkt. Verwirklichen zu können, wovon man träumt.“
Blicken wir einen Moment zurück auf die große französische Avantgardistin der 20er Jahre, Sonia Delauney, die ebenso wie Anke Ibe aus der Stoffkunst kam: Bei ihr fanden sich trotz Abstraktion und Geometrie immer konstruierte Bezüge zu Raum und Körper. Illusion und Realität wurden zu einer neuen Einheit verwoben.
Genau das Gegenteil bei Anke Ibe: Es finden sich über Jahre weder Objekte noch Umrisse, es finden sich auch keine definierten Räume. Erst in jüngeren Werken wie dem „Schimmelreiter“ oder „Männerwelten III“ lassen sich Silhouetten erkennen. Hier schemenhaft ein Pferd, dort eine zupackende Männerhand, die wie aus dem Skizzenblock hingeworfen erscheint auf einem Fonds aus Nebelgrau und wässrigem Sandgelb. „Die Dinge entstehen beim Arbeiten“, sagt die Künstlerin über ihre Chiffren und figürlichen Fragmente.
Das Bild „Sgraffito“, das sie ebenfalls aus der Einladung kennen, mag uns an die unzähligen Farbschichten einer alten Strandvilla erinnern. Mauern, deren Farbe zu verblassen scheint und dabei Spuren aus der Vergangenheit preisgibt. Den Code jener Botschaften, die wie spielerisches Gekritzel erscheinen, kann nur jeder für sich entschlüsseln. Er setzt sich zusammen aus den Erfahrungen und Mustern, mit denen wir die komplexen Strukturen der Welt zu erklären versuchen. Mark Rothko sagte dazu einmal: „Denn ohne unsere Sinnlichkeit können wir Menschen so etwas wie Wahrheit nicht erfassen.“
Das Bild „Sgraffito“ erinnert so gar nicht mehr an die Farbfelder eines „Frozen Lemon“, vielmehr an den im Juli verstorbenen großen amerikanischen Künstler Cy Twombly, von dem sich Anke Ibe inspirieren ließ zu dem Spiel der Linien, das zumeist nur einen Teil der Fläche wie zufällig markiert. Diese Linien begrenzen niemals die Farbe, sondern geraten höchstens um ihrer selbst willen außer Kontrolle, um an anderer Stelle fast kalligraphisch meditativ zu enden. In Anke Ibes Werk finden wir immer wieder Brüche und den Mut zum Neuanfang - und fast scheint es, als erkenne man in ihren Schriftfetzen das chinesische Zeichen für Krise, das aber Chance gleichermaßen bedeutet.
In den jüngsten Atlantis-Bildern erobert eine neue Farbskala die Leinwand: abstrakt expressive Farbwirbel- und wolken in Orange- und Türkis-, Blau-Tönen begegnen einander, als wären es Töne einer Sinfonie aus der Sagen umwobenen, untergegangenen Stadt. Die Farbe bildet jedoch nicht etwa Atlantis ab oder einen Abendhimmel, den Anke Ibe über der Ostsee gesehen hat, die Farbe steht für sich selbst – gebrochen und verdichtet in jedem Quadratzentimeter und geformt durch die Spontaneität des Schaffens der Gesamtkomposition. Allein bei den mehrteiligen Tafelbildern trennt eine Fuge die Farben, aber auch die Textur. Hier ein geheimnisvolles schimmerndes Seladon, dort ein pastoses Schiefergrau, das sie mit kräftigem Pinselduktus gesetzt hat. Farbe hat sie schon immer inspiriert. Sie will alle Facetten des Materials Farbe sichtbar machen, mal stumpf, mal glänzend, mal pulverisiert, mal gebunden. Und so lässt sie uns wiederum eintauchen in ein farbiges Nirgendwo, das alles Geplapper des Alltags verstummen lässt. Eine Fülle also, die die Leere erlaubt für jene, die es zulassen können.
Anke Ibe mag kein Schubladen-Denken und in ihrer Kunst finden sich Elemente des Informel ebenso wie des abstrakten und lyrischen Expressionismus – und dann sind es wieder die großen Kissenbilder eines Gotthard Graubners, die sie inspirieren.
Ich bin gespannt, wie Farbe und Linien sich auf Ihren Bildern in Zukunft entwickeln werden, liebe Anke Ibe und klebe kein Etikett. Für Sie ist das Künstlerinnen-Leben weit mehr als ein Beruf. Und so wissen Sie sich im Kontext großer Kolleginnen wie der schon genannten Sonia Delauney, oder auch Georgia O’Keefe und Louise Bourgeois, die der Überzeugung waren: Künstlerin zu sein ist kein Beruf, sondern Teil der Existenz und Identität.
Ich möchte enden mit einem Zitat des genialen Yves Klein, dessen Blau die Welt eroberte und der sagte: „Die Sensibilität ist die Währung des Universums, des Weltraums, der großen Natur, die uns erlaubt, das Leben als Rohstoff zu kaufen.
Die Imagination ist der Träger der Sensibilität. Von der Imagination getragen, gelangen wir zum Leben, zum eigentlichen Leben, das die absolute Kunst ist.“